Coming-out heute: Was sich verändert hat – und was noch nicht

Adelie Pinguin Bücher für den Urlaub

Ich bin in den 1980er und 1990er Jahren aufgewachsen. Das Coming-out war damals etwas, worüber man nicht sprach – weder in der Schule, noch im Fernsehen, noch in Büchern, die für Jugendliche gedacht waren. Wenn queere Menschen in der Öffentlichkeit auftauchten, dann meist als Randnotiz, als Witz oder als Tragödie.

Heute ist das anders. Nicht gut genug – aber anders. Und weil ich seit Jahren über queere Erfahrungen schreibe, beobachte ich diese Veränderung sehr genau. Was hat sich wirklich getan? Und wo stehen wir noch immer still?

Dieser Beitrag ist kein akademischer Überblick. Er ist meine persönliche Einschätzung – als schwuler Autor, als Ehemann seit 2021, und als jemand, der mit Jugendlichen über das Thema spricht, weil er Bücher darüber schreibt.

Was sich beim Coming-out wirklich verändert hat

Die Veränderungen der letzten zwanzig Jahre sind real. Man muss sie benennen, bevor man über das spricht, was noch fehlt.

Sichtbarkeit ist heute eine Selbstverständlichkeit, die es früher nicht gab. Queere Figuren tauchen in Serien, Filmen, Büchern und sozialen Medien auf – nicht mehr nur als Ausnahme oder Problemfall, sondern als Menschen mit Leben, Beziehungen, Humor. Das klingt banal. Für Jugendliche, die sich gerade fragen, wer sie sind, ist es alles andere als das.

Die rechtliche Lage hat sich in Deutschland grundlegend verändert. Die Ehe für alle gibt es seit 2017. Ich habe 2021 geheiratet – etwas, das für die Generation meiner Eltern schlicht undenkbar war. Das ist kein kleiner Fortschritt.

Und es gibt inzwischen Sprache für Erfahrungen, die früher namenlos waren. Begriffe wie non-binär, trans*, queer, asexuell – sie ermöglichen es, sich selbst zu beschreiben, bevor man überhaupt weiß, wohin die eigene Beschreibung führt. Sprache schafft Wirklichkeit. Das gilt nirgends mehr als beim Coming-out.

Was sich beim Coming-out nicht verändert hat

Und dann ist da das, was bleibt.

Auf Schulhöfen wird noch immer ’schwul‘ als Schimpfwort benutzt. Nicht überall, nicht immer – aber regelmäßig genug, dass jeder queere Jugendliche weiß, was das bedeutet. Nicht ein abstraktes Wissen, sondern ein körperliches: Man zieht die Schultern zusammen, man wird vorsichtiger, man testet, wem man was sagen kann.

Familien sind nach wie vor der gefährlichste und der wichtigste Ort für ein Coming-out. Gefährlich, weil das Risiko der Ablehnung real ist. Wichtig, weil Akzeptanz dort, wo sie gelingt, alles verändert. Zwischen diesen beiden Polen liegt für viele junge queere Menschen ein langer, einsamer Weg.

Und die psychische Belastung ist weiterhin messbar höher als im Durchschnitt. Das ist keine Schwäche queerer Menschen. Das ist die direkte Folge eines Aufwachsens in einer Welt, die einem immer wieder signalisiert: Du bist die Ausnahme. Du musst dich erklären. Du bist ein Thema.

Diese Grundsituation hat sich nicht fundamental verändert. Was sich verändert hat, ist, dass mehr Menschen wissen, dass sie damit nicht allein sind.

Was das alles mit Literatur zu tun hat

Ich schreibe queere Literatur, weil ich glaube, dass Bücher etwas können, was Gesetze und Kampagnen nicht können: Sie lassen einen in der Stille des eigenen Zimmers nicht allein.

Mein Coming-out-Roman Die Karte ist nicht das Gebiet erzählt von Johan – einem Jugendlichen, der im Urlaub in den italienischen Alpen herausfindet, dass er auf Jungs steht. Er sagt das nicht so. Er fragt sich einfach, warum ihn der coole Paul so beschäftigt. Und er merkt, dass die Frage, die er stellt, größer ist als er gedacht hat.

Was mir beim Schreiben wichtig war: Johan ist kein Opfer. Er ist kein Held. Er ist ein Jugendlicher, der eine schwierige Situation navigiert – mit Humor, mit Unsicherheit, mit dem Wunsch, dass alles einfacher wäre, als es ist. Genau das ist das Coming-out heute: nicht mehr die Katastrophe, die es früher war. Aber auch noch nicht die Selbstverständlichkeit, die es sein sollte.

Wenn Jugendliche mir nach einer Lesung sagen ‚Das bin ich‘ – dann ist das kein literarisches Kompliment. Das ist der Grund, warum ich diese Bücher schreibe.

Was Eltern und Lehrkräfte über Coming-out heute wissen sollten

Die häufigste Frage, die ich von Erwachsenen bekomme, lautet: ‚Was soll ich sagen?‘ Das ist die falsche Frage. Die richtige Frage lautet: ‚Wie kann ich dafür sorgen, dass man mir überhaupt etwas sagt?‘

Das bedeutet: keine abwertenden Kommentare über queere Menschen, auch in scheinbar harmlosen Zusammenhängen. Es bedeutet: nicht so tun, als wäre Heterosexualität die einzige Möglichkeit, wenn man über Beziehungen spricht. Und es bedeutet: aushalten, dass es keine perfekte Reaktion gibt. Jugendliche spüren, ob jemand wirklich zuhört – oder ob jemand einfach die richtige Antwort geben will.

Bücher können dabei helfen, weil sie den Raum öffnen, ohne ihn zu erzwingen. Ein Roman über ein Coming-out auf dem Nachttisch ist keine Aussage. Es ist eine Einladung.

Das Coming-out ist leichter – und immer noch schwer genug

Ich bin froh, dass ich heute lebe und nicht in den 1980ern. Das sage ich ohne Ironie. Die Welt hat sich verändert, und diese Veränderung hat echten Wert.

Aber ich schreibe weiter darüber, weil es noch immer nötig ist. Weil auf Schulhöfen noch Beschimpfungen fallen. Weil es noch immer Jugendliche gibt, die nicht wissen, ob ihre Familie sie noch liebt, wenn sie sagen, wer sie sind. Weil ‚besser als früher‘ nicht dasselbe ist wie ‚gut genug‘.

Daran schreibe ich. Und solange das so ist, werde ich nicht aufhören.

Häufige Fragen zum Coming-out heute

Ist ein Coming-out heute einfacher als früher?

In vielen Kontexten ja. Rechtliche Gleichstellung, mehr Sichtbarkeit in Medien und Gesellschaft, mehr Sprache für queere Erfahrungen – das sind echte Erleichterungen. Aber die persönliche Dimension – Familie, Schulumfeld, der eigene Mut – ist weiterhin herausfordernd. ‚Einfacher‘ bedeutet nicht ‚einfach‘.

Wie kann ich als Elternteil ein gutes Umfeld für ein Coming-out schaffen?

Indem man im Alltag signalisiert, dass queere Menschen normal sind und normal behandelt werden. Nicht durch besondere Gespräche oder Bekenntnisse – sondern durch das, was man beiläufig sagt und tut. Jugendliche testen das Umfeld, bevor sie sich öffnen. Meist lange, bevor der erste Satz fällt.

Welche Bücher helfen Jugendlichen beim Coming-out?

Es gibt inzwischen einige gute Coming-out-Romane auf Deutsch und in Übersetzung. Mein eigener Roman Die Karte ist nicht das Gebiet richtet sich an Jugendliche ab 13 Jahren und verbindet Coming-out-Thematik mit Spannung und Humor. Mehr dazu auf dieser Website.

Muss man sich outen?

Nein. Ein Coming-out ist keine Pflicht und kein Beweis. Es ist eine persönliche Entscheidung, die jeder Mensch für sich selbst und in seinem eigenen Tempo trifft. Was zählt, ist nicht der Zeitpunkt – sondern dass er selbst gewählt ist.

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