Fragen und Antworten zum Leonardo-Buch

In der Schule gibt es den Witz: „Ich bin Erfinder. Ich erfinde Ausreden.“ Was haben Sie schon alles erfunden … außer Ausreden?
Anders als Leonardo da Vinci erfinde ich ja keine Gegenstände oder Maschinen, sondern Geschichten und Figuren. Und von denen gibt es mittlerweile eine Menge. Wobei ich zugeben muss, dass ich die eigentlich gar nicht erfunden, sondern lediglich gefunden habe. Wo? In meinem Kopf. Und in meinem Bauch. Und in meinem Herzen. Da spuken die nämlich alle rum und machen mich ganz verrückt.
Ein Beispiel will ich euch nennen: Adelie ist ein kleiner Pinguin, der sich verlaufen (oder besser verschlafen) hat und in einer Tiefkühltruhe im Supermarkt aufwacht. Zwischen Brokkoli und Fischstäbchen. Die sechsjährige Annika entdeckt ihn und soll ihn jetzt nach Hause bringen.
Erfinden hängt also mit finden zusammen. Denn wir haben alle so viele tolle Ideen in uns, da muss man eigentlich nur zugreifen.

Wie sind Sie darauf gekommen, ein Erfinder-Buch zu machen? Oder ging es zuerst um Leonardo da Vinci und die Erfinder-Idee kam erst anschließend?
Zusammen mit dem Illustrator Thorwald Spangenberg habe ich jetzt schon drei Bücher gemacht. Erst war es ein Buch über Zeppeline und einen Kabinenjungen an Bord der Hindenburg, dann kam ein Buch über den Orient-Express und seine lange Fahrt von Konstantinopel nach Paris. Als wir dann nach einem Thema für das dritte Buch gesucht haben, ist uns Leonardo über den Weg gelaufen. Und wir haben festgestellt: Der hat sich ja auch mit Fahrzeugen beschäftigt. Nämlich mit Flugmaschinen. Aber wir wussten viel zu wenig darüber. Damit war klar, dass wir uns ihm als nächstes zuwenden müssen, damit wir möglichst viel über ihn erfahren.

Welche Erfindung ist für Sie die beste, die je gemacht wurde, und warum?
Die Spülmaschine. Jahrelang habe ich jeden Tag (oder fast jeden Tag) abgespült. Und trotzdem hat sich das Geschirr ständig in der Spüle gestapelt. In Wohngemeinschaften gab es irgendwann immer Streit um den Abwasch. Und auch mit meinem Freund habe ich mich manchmal darüber gestritten. Seit wir eine Spülmaschine haben, ist die Stimmung viel besser. Jeder kann sein gebrauchtes Geschirr einfach reinstellen und die Klappe zumachen. Fertig. Muss nur noch angestellt und später ausgeräumt werden. Aber das ist ein anderes Thema 🙂

Welche Erfindung sollte dringend gemacht oder verbessert werden?
Wir brauchen dringend eine Ich-Kapiere-Die-Welt-Maschine. Was das ist? In den letzten 200 Jahren haben wir unsere Erde so kaputt gemacht, dass es kaum noch möglich ist, auf ihr zu leben. Die Industrie verseucht das Wasser und die Luft, die Autos nehmen uns den Platz zum Spielen und Fahrradfahren (und verpesten die Luft), Kriege und Armeen töten Menschen, zerstören ihr Zuhause und zwingen sie, ins Ausland zu fliehen. Und mir scheint, dass sich daran wenig ändert. Jetzt gehen Schülerinnen und Schüler auf die Straßen und protestieren für eine bessere Umwelt. Und was tun einige Politiker? Sie beschweren sich, dass die Kinder die Schule schwänzen. Hallo? Geht’s noch? Die Kinder stehen doch bloß für eine bessere Welt ein! Also: Wir brauchen dringend eine Maschine, die den Menschen (vor allem den Erwachsenen!) hilft, die Welt zu kapieren. Die ist nämlich manchmal ziemlich kompliziert.

Im Lexikon steht, Leonardo da Vinci sei ein Universalgenie gewesen. Was ist das?
Leonardo da Vinci war Erfinder und Maler, er war Architekt und Autor, er hat Flugmaschinen, Waffen, Zahnräder, Brücken, die Mona Lisa und Kanäle erfunden. Er hat gezeichnet und gemalt. Er hat Leichen aufgeschnitten, weil er wissen wollte, wie der menschliche Körper von innen aussieht und wie er funktioniert. Er war der beste Maler aller Zeiten (das behaupten zumindest viele Menschen) und er hat Dinge gezeichnet, die erst einige hundert Jahre später weiterentwickelt wurden. Er hat Dinge in seinem Kopf gesehen, die sich zu seiner Zeit niemand vorstellen konnte. Und er war im Grunde in allem, was er tat, perfekt. Einfach genial.
Universal bedeutet also: Alles betreffend. Und Leonardo da Vinci war in allem genial.

Hätte sich Leonardo da Vinci selbst so bezeichnet? Oder als Erfinder?
Vermutlich war ihm klar, dass er mehr konnte und verstand als viele andere Menschen. Gleichzeitig hat er bestimmt auch immer wieder an sich gezweifelt. Vielen intelligenten Menschen geht das so. Nur wer sich hinterfragt hat das Bedürfnis, besser zu werden und Neues zu erfinden. Daher ist den meisten Genies gar nicht klar, dass sie so genial sind.

Hat er mit seinen Erfindungen genug Geld verdient, um davon leben zu können?
Auch für seine Bilder hat er Geld bekommen. Er hat sehr viele Aufträge angenommen und einige davon nie zu Ende geführt. Seinen Lebensunterhalt hat er vor allem deshalb bestreiten können, weil es reiche Fürsten gab, die an ihn geglaubt und ihm regelmäßig Geld gegeben haben. Dafür hat er ständig gearbeitet. Und daher hat er auch meist genug Geld zum Leben gehabt.

Welche Voraussetzungen braucht man, um Erfinder zu werden?
Erfinder müssen neugierig sein. Sie müssen sich ständig fragen: „Wie kann ich diese Maschine noch besser machen?“ Dafür muss man natürlich viel wissen. Aber damit meine ich nicht nur das Wissen in der Physik oder der Mechanik, sondern auch darüber, wie Menschen sind und wie die Dinge in der Welt zusammenhängen. Die besten Erfinder kennen sich also in vielen Themen aus: Sie wissen viel über die Natur und das Universum, sie kennen sich in der Literatur und der Kunst aus, sie beschäftigen sich mit Psychologie und Medizin, sie stellen ständig Fragen. Leonardo hat seine Freunde permanent mit Fragen gelöchert und die waren dann manchmal ziemlich genervt. Aber er wollte eben alles verstehen.

Welche Eigenschaften sollte man mitbringen, um Erfinder zu werden?
Zusammengefasst: Neugierde, Mut, Offenheit.

Sie schreiben, Leonardo da Vinci war ein „Star“ seiner Zeit. Mit welchem Star aus der heutigen Zeit würden Sie ihn vergleichen?
Am nächsten kommt ihm vermutlich Stephen Hawking. Das war ein britischer Physiker, der 2018 an der Nervenkrankheit ALS gestorben ist. Aber auch Greta Thunberg ist mit ihm vergleichbar, weil sie nicht aufhört, Fragen zu stellen und die Menschen aufzurütteln. Leonardo hatte allerdings auch die Angewohnheit, in sehr ausgefallener Kleidung herumzulaufen und sich ungewöhnlich zu verhalten, so wie das heute viele Musiker tun.

Welche seiner Erfindungen hat Sie am meisten verblüfft?
Leonardo da Vinci hat unter anderem einen Taucheranzug erfunden. Es gibt dazu Zeichnungen von ihm. Allerdings hat er sich schnell dazu entschieden, diese Erfindung nicht weiter zu entwickeln und öffentlich zu machen, weil er befürchtete, der Anzug könne für den Krieg genutzt werden (zu Beispiel für Angriffe aus dem Wasser heraus). Das steht in einem gewissen Widerspruch zu seinen vielen militärischen Erfindungen, aber man muss dazu wissen, dass er den Krieg verabscheute. Mich hat also am meisten verblüfft und gefreut, dass er eine seiner Erfindungen, mit der er Geld hätte verdienen können, zurückgehalten hat.

Wie viele Erfindungen hat er insgesamt gemacht?
Das weiß niemand genau. Es gibt heute etwa 10.000 Seiten mit Notizen und Zeichnungen von Leonardo. Man geht davon aus, dass das nur etwa ein Viertel dessen ist, was er produziert hat. Der Rest ist verschollen. Die meisten Zeichnungen zeigen Maschinen, die es zwar schon gab, die er aber weiter entwickelt hat. Daher ist es sehr schwierig, seine Erfindungen in einer Zahl auszudrücken.

Warum wurden nur so wenige davon realisiert?
Viele seiner Erfindungen und Weiterentwicklungen sind vermutlich tatsächlich gebaut worden. Vor allem die Zahnräder, Hebevorrichtungen und Waffen. Wenn wir uns heute mit seinen Erfindungen beschäftigen, dann stürzen wir uns allerdings meist auf die Dinge, die für seine Zeit ungewöhnlich waren. Die Flugmaschinen zum Beispiel. Die Zeichnungen dazu unterscheiden sich jedoch stark von denen, die gebaut wurden. Sie sind häufig sehr ungenau und skizzenhaft. Man kann die Idee darin erkennen, aber wie genau diese Maschinen gebaut werden sollten, das kann man aus den Zeichnungen oft gar nicht erkennen. Leonardo hatte zwar viele tolle Ideen, aber viele davon haben technisch nicht funktioniert.
Ein Beispiel: Seine Luftschraube. Die sieht zwar schon ein bisschen aus wie ein Hubschrauber, war aber nicht flugfähig. Leonardo wusste sehr viel, aber er hatte viel zu wenig Ahnung von Aerodynamik.

Stellen Sie sich vor: Leonardo da Vinci steht im Jahr 2019 vor Ihrer Haustür und hat Ihr Buch in der Hand. Er sagt: „Junger Mann, ich habe dieses gelesen, und ….“
Wie geht der Satz weiter?
„… aber Sie haben ja keine Ahnung, was ich mit meinen Erfindungen erreichen wollte.“
So ungefähr könnte ich mir Leonardo vorstellen. Es ist schwierig, sich in einen Meister hineinzudenken, der seit 500 Jahren tot ist. Die Zeit war ganz anders, die Menschen sind anders miteinander umgegangen, die Probleme und Herausforderungen waren im 15. und 16. Jahrhundert vollkommen andere als heute. Er würde vielleicht auch gar nicht verstehen, weshalb wir uns auf seine Flugmaschinen konzentriert haben, weil er ihnen eine ganz andere Bedeutung beigemessen hat, als ich das heute tue.

Was würden Sie mit Leonardo da Vinci tun bzw. wohin würden Sie ihn schicken, damit er mit heutigen Mitteln und Methoden seine Erfindungen umsetzen, nachbessern und anwenden kann? Oder: Welches Studienfach würden Sie ihm empfehlen?
Ich würde ihn in den Bundestag schicken. Oder ins Europaparlament. Oder vielleicht sogar zu den Vereinten Nationen in New York. Denn in diesen Institutionen brauchen wir Menschen, die großen Weitblick haben, die Ideen für die Zukunft entwickeln, damit wir auch in 100 Jahren noch auf der Erde leben können.
Man muss nicht unbedingt studieren, um etwas Großes zu erreichen. Aber Leonardo wäre sicherlich in einem Studienfach wie Elektrotechnik oder Maschinenbau gut aufgehoben. Oder an einer Kunsthochschule. Vermutlich würde er aber viele Studienfächer beginnen und keines abschließen, weil er immer nach neuem Wissen strebte, zugleich aber sehr schnell das Interesse an einem Thema verlor, wenn er genug erfahren hatte.

Welchen Künstlernamen hätte Leonardo da Vinci heutzutage?
Er würde sich bestimmt einfach Leonardo nennen. Oder die Abkürzung LDV benutzen.

Warum haben Sie lange Haare (wie Leonardo da Vinci), aber keinen Bart (wie Leonardo da Vinci)?
Ich mag lange Haare bei Männern. Und ein Bart steht mir nicht. Das habe ich ausprobiert. Das sieht furchtbar albern aus 🙂

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