Fragen zum Orient-Express

Hier sind ein paar Fragen aus der Leserunde bei Lovelybooks zum Orient-Express:

Früher hatten die Züge keine durchgängige Bremsanlage. Damit beim Bremsen die Wagen nicht entgleisen, wurde der Bremswagen entwickelt. In ihm saß ein Eisenbahner, der tätig werden musste. Er brauchte Sichtkontakt zur Lok und hatte deshalb das kleine Häuschen oben auf dem Wagen. Aus technischen Gründen musste der Wagen an der letzten Stelle sein. In der Zeichnung wurde ein Bremswagen vorne dargestellt. Gab es beim Orientexpress vielleicht zwei Bremswagen?

Es gab in der Tat zwei Wagen mit Bremserbühnen, wie man auf S. 15 und in der technischen Zeichnung S. 40/41 sehen kann. Aber es gab zu diesem Zeitpunkt bereits keinen keine Bremser mehr. Die Lok hatte nun alle Vorrichtungen zum Bremsen. Die Bremserbühnen waren im Gepäckwagen untergebracht, wie man auch gut auf S. 68 f. sehen kann. Diese wurden in unserer Geschichte vom Zugchef benutzt. Der Zugaufbau, wie auch der (Nicht mehr-) Einsatz der Bremserbühnen, waren realistisch für den Orient-Express dieser Zeit.

Die Recherchen zu diesem Buch waren intensiv und spannend. Wir sind tief in die vorhandene Literatur eingetaucht und ich vermute, dass wir fast alles an Büchern zum Thema durchforstet haben. Allerdings hat sich bald herausgestellt, dass die von uns in den Fokus genommenen Zeit nur wenig dokumentiert ist. 1889 gab es erst wenige Fotos und die Berichte sind mager. Daher mussten wir uns auf die dünnen Informationen verlassen, die wir gefunden haben. Tatsächlich sind wir erst einmal davon ausgegangen, dass die Aufbauten am Gepäckwagen die Bremserhäuschen sind. Und darauf haben wir auch die Geschichte aufgebaut. Das bedeutet: Wo nun im Buch der Zugchef sitzt und die beiden Jungen von oben beobachtet, saß in unserer ursprünglichen Geschichte ein Bremser. Und dann kam unser Fachlektor mit der neuen Info um die Ecke: Pustekuchen. Da gab es keinen Bremser mehr! Wir mussten also umplanen. Das ist ein normaler Prozess, der bei solchen Büchern immer wieder vorkommt. Und im Orient-Express-Buch waren wir mit solchen Veränderungen immer mal wieder konfrontiert. Unsere tolle Lektorin bei Gerstenberg hat sich dabei voll ins Zeug gelegt, möglichst viel aufzudecken, was wir übersehen oder nicht entdeckt hatten. Das ist dann manchmal erst ärgerlich, weil man den Plot, den Text oder eine Illustration ändern muss, aber am Ende steht dann ein wirklich gut recherchiertes Buch.

Ich habe das Zeppelin Buch ja auch schon gelesen und frage mich jetzt, ob das eine Reihe wird?

Anke Bär hat als Autorin und Illustratorin zwei Bücher mit den Titeln „Wilhelms Reise“ (über deutsche Auswanderer auf Segelschiffen nach Amerika Ende des 19. Jahrhunderts) und „Endres“ (die Geschichte eines Kaufmannssohnes in einer mittelalterlichen Hansestadt) bei Gerstenberg publiziert. Zusammen mit unserem Zeppelin und dem Orient-Express ist dies eine lockerer Reihe an Kindersachbüchern, die sich durch emotional durcherzählte Geschichten auszeichnen. Und ja: Wir arbeiten bereits intensiv an einem nächsten Buch im ähnlichen Format. Aber leider leider leider darf ich euch noch nicht erzählen, worum es dabei geht. Nur so viel sei schon gesagt: Es ist geht weder um die Titanic noch um die Concorde 😉

Warum ist die Lok auf dem Cover blau, aber auf S. 15, wo „Das Rollmaterial“ vorgestellt wird, grün? Wisst Ihr, wie die Lok tatsächlich aussah? Sind die Wagenzeichnungen historisch belegt?

Tja, die Lokomotiven. Ein schwieriges Thema. Also: zum einen wurden die Loks an Lieder Grenzen gewechselt, weil jeder Staat seine eigene Lok vor dem Zug haben wollte. Das war im Grunde eine sehr eigensinnige Form des Nationalismus im ausgehenden 19. Jahrhundert. Zum Teil gibt es das aber auch heute noch in Europa. Und da unterschiedliche Lok-Typen benutzt wurden, hatten die oft auch unterschiedliche Farben.
Es gibt sehr wenige Fotos aus dieser Zeit. Die große Zeit der Fotografie kam ja erst danach. Wir mussten also auf die wenigen Zeichnungen und Bilder zurückgreifen, die in der Literatur zum Orient-Express immer wieder gezeigt werden. aber es gab natürlich noch keine Farbfotografie. Und in den Beschreibungen werden nur sehr selten einmal die Farben erwähnt. Daher sind die Wagen in enger Absprache mit einem Eisenbahn-Experten entstanden und entsprechen unserem besten Wissen.

Dem Buch habe ich entnommen, dass ihr beide in Köln lebt. Wie sieht denn eure Zusammenarbeit aus? Trefft ihr euch viel oder geht alles online? Gibt es erst den Text und danach werden die Illus gemacht oder arbeitet ihr parallel am Buch? Und wir habt ihr als Team zusammengefunden?

Das Buch ist von Anfang bis Ende eine gemeinsame Arbeit. Ich könnte jetzt stundenlang über diesen Prozess erzählen, aber das würde zu weit führen. Also die Kurzform:
Wir überlegen uns ein Thema und eine grobe Geschichte. Das stellen wir dem Verlag vor. Wenn die Zusage da ist und wir wissen, wie viele Seiten das Buch haben soll, dann entwickeln wir die Geschichte weiter und erstellen dann ein Storyboard. Das heißt, wir legen Doppelseite für Doppelseite fest, was wo erzählt wird, wo welche Bilder hinkommen und welche Teile der Geschichte als Comic/Graphic-Novel erzählt werden.
Parallel dazu recherchieren wir. Dazu sitze ich tagelang in Bibliotheken, bestelle mir meist nicht mehr lieferbare Bücher antiquarisch, brüte über Bildern und Plänen. Historisches fließt mit ein, gesellschaftliches, technisches und kulturelles. Ich lese über Istanbul und beschäftige mich mit der Frage, seit wann die Stadt nicht mehr Konstantinopel genannt wurde, ich wühle mich durch Listen mit Lokomotiv-Typen und Wagennummern. Immer wieder verzweifele ich, weil ich keine, widersprüchliche oder überhaupt nicht zu unseren Vorstellungen passende Infos finde.
Thorwald erarbeitet derweil die Figuren. Er soll ja Sinan und Pierre aus allen Perspektiven kennen und zeichnen können. Er probiert Hintergründe aus, schaut nach Schriften, die zu der Zeit passen und experimentiert mit den verschiedenen Arten der Illustrationen.
Und dann wird geschrieben und gezeichnet. Dabei setzen wir uns immer wieder zusammen und sprechen über das Projekt. Das geht nicht immer nur harmonisch ab, weil wir natürlich ständig unterschiedliche Meinungen haben. Meistens finden wir aber einen Konsens.
Da Thorwald auch das Layout und den Satz macht, fließt dann nach und nach alles zusammen. Doppelseiten entstehen, Texte müssen gekürzt oder verlängert, Bilder vergrößert oder beschnitten werden.
Und dann funkt natürlich immer wieder der Verlag indem Prozess hinein. Wir haben das Glück, mit einem sehr engagierten Verlag zusammen zu arbeiten und vor allem eine ganz tolle Lektorin mit an Bord zu haben. Die hat sich mit hoher Energie in das Projekt gekniet und uns manche Fehler unter die Nase gerieben, die uns schlaflose Nächte gekostet haben. Aber für das Buch war das perfekt.
Nicht alles geht also per Mail. Man muss miteinander sprechen. Aber das ist ja im ganzen Leben so.

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